Mehr Farbe im Alltag – wie ich mein Wunschleben baue
In letzter Zeit wünsche ich mir immer wieder mehr Abenteuer in meinem Leben. In meinen 20ern bin ich alle paar Jahre umgezogen, habe den Job gewechselt oder neue Hobbys begonnen und spontan im Ausland gelebt. Heute lebe ich ein sehr viel langsameres Leben. Diese Beständigkeit hat auch ihren Charme und mit über 40 fehlt mir auch ein bisschen das Gottvertrauen für die Harakiri-Aktionen, die ich vor 20 Jahren veranstaltet habe 😉. Aber ich brauche wieder mehr Abwechslung und deshalb habe ich mir im April begonnen, mir jeden Monat ganz bewusst mehr Lebendigkeit in meinen Alltag zu holen. Was ich mir vorgenommen habe und wie das so gelaufen ist, erzähle ich dir hier. Jeden Monat neu.
Mehr Farbe im Juli
03.07.2026 – Die erste Hälfte des Juli steht alles im Zeichen der Hochzeit, bei der ich die Freie Trauung durchführen darf. Namenskarten mit Kalligrafie beschriften, Rede schreiben, hoffen und beten, dass die Schneiderin das Kleid wirklich so hinbekommt, wie ich mir das wünsche, Packlisten schreiben, Friseur- und Nageltermin … Es wird ein wilder Ritt und bis zur Hochzeit spiele ich hier Kalender-Tetris mit allen bereits feststehenden Terminen. An Freiraum für mehr Farbe ist da nicht zu denken. Dem wird auch der ADHS-Spaziergang zum Opfer fallen.
Dafür habe ich mir für die 2. Monatshälfte ein paar schöne Sachen vorgenommen. Es gibt zur Eröffnung des Bürgerfests in Schwabach zum Beispiel ein musikalisches Picknick. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich will ja mal wieder ein Picknick machen und ein Konzert besuchen. Und dann spielt auch noch eine Jugendkapelle. In so einer habe ich als Jugendliche auch Musik gemacht. Das wird eine richtig nostalgische Angelegenheit für mich.
Außerdem veranstaltet unsere Hausgemeinschaft ein Nachbarschaftsgrillen. Bisher habe ich nur oberflächlichen Kontakt und das klingt nach einer guten Gelegenheit, das zu ändern.
Das Frühschwimmen habe ich schon einmal ausprobiert – und um das Ziel zu erfüllen, werde ich das auch noch mal machen. Aber ganz ehrlich: Das wird keine regelmäßige Einrichtung. 7.30 Uhr im Freibad und das Becken ist VOLL. Das ist alles andere als entspannend. In meiner Vorstellung habe ich das wohl ziemlich überromantisiert.
Die langweiligen Basics: Eimer füllen
19.06.2026 – Tja, blöd. Ich kann mir noch so viele coole Dinge überlegen – wenn ich die langweiligen Basics nicht im Griff habe, bleiben die alle auf der Strecke. Wenn ich keine Energie habe, kann ich mich entweder gar nicht aufraffen – nicht mal zu den tollen Vorhaben, die ich geplant habe – oder ich kann sie nicht genießen.
In einem Mini-Coaching hat mir Thea vom Podcast TeaTime.Berlin, die auch systemischer Coach ist, von den 5 Eimern erzählt. Die müssen wir alle jeden Tag füllen. Oder zumindest ein paar Tropfen eingießen, damit sie sich mit der Zeit füllen. Die Eimer stehen für Schlaf, Ernährung, Bewegung, Beziehungen und Pausen. Meine waren zum Zeitpunkt des Coachings ALLE leer.
Seitdem versuche ich, an den Basics zu arbeiten. Problem: Sie sind nicht nur langweilig, sie fressen auch ganz schön viel Zeit: 8 Stunden schlafen – und vorher eine Abendroutine einhalten, die mich runterbringt, so dass ich auch einschlafen kann? Frisch kochen und ohne Ablenkung essen? Täglich echte Gespräche mit anderen führen? Pausen machen – regelmäßig (aka STÄNDIG!!!), auch wenn ich mich endlich aufgerafft habe, eine Aufgabe durchzuziehen? Und dann soll ich auch noch Sport machen oder zumindest 10.000 Schritte gehen? Wann soll ich denn dann bitte arbeiten, lesen, stricken oder die Zeitplanerin weiterentwickeln? Hinzu kommt, dass ich für mich einen 6. Eimer entdeckt habe: Haushalt. Ich hasse putzen, aber ich brauche es sauber und aufgeräumt um mich herum. Eine chaotische, dreckige Umgebung saugt mir mindestens genauso viel Energie wie zu wenig Schlaf oder Desk-Potatoe-Tage.
Ich habe mir alle Eimer dann auf Mini-Veränderungen heruntergebrochen. Ich kann sie einfach nicht jeden Tag füllen. Aber ich versuche, jeden Tag ein paar Tropfen aufzufüllen. Derzeit sehen die Experimente dazu so aus:
- Schlaf: ab 21 Uhr alle technischen Geräte aus (außer TV, wenn wir einen Familien-Filmabend machen, und mein Kindl zum lesen, sowie meine Smartwatch, die den Schlaf trackt). Die Langeweile, die damit einsetzt, ist real und ätzend und ich stelle fest, dass mir kaum noch Aktivitäten einfallen, die mir Spaß machen, aber ohne Technik auskommen. Das ist erschreckend. Aber das Experiment funktioniert. Ohne die Dauerberieselung abends MERKE ich, wenn ich müde werde. Und wenn ich dann im Bett bin, bin ich schon so weit runtergefahren, dass ich meine Nadelmatte gar nicht mehr bräuchte, um einschlafen zu können.
- Ernährung: Meine größte Baustelle. Ich fange an, indem ich zu jeder Mahlzeit – auch zu Snacks – immer ein Stück Obst oder Gemüse esse. Das funktioniert inzwischen fast automatisch. Verändert das das große Ganze? Nein und das ist frustrierend. Aber irgendwo muss ich ja anfangen und wenn die Ernährung seit Jahren überwiegen aus belegtem Brot, Take out und Tiefkühl-Pizza besteht, muss man halt sehr klein anfangen.
- Bewegung: Hier macht mir das Experimentieren am meisten Spaß. Und zugleich ist es der frustrierendste Bereich, weil mir mein Körper hier am deutlichsten vor Augen führt, dass meine Vernachlässigung Folgen hat. Im Januar habe ich mit Ballett angefangen und liebe es. Ein Kindheitstraum von mir und ich fühle mich an der Stange genauso elegant, gelassen und feminin wie erträumt. Allerdings machen mir die Migräne und der dauerverletzte Fuß immer wieder einen Strich durch die Rechnung, so dass ich häufiger aussetzen musste als ich am Training teilnehmen konnte. Meine Morgenspaziergänge funktionieren besser. Hier bekomme ich aber keine Regelmäßigkeit rein (wird hoffentlich besser, wenn das Schlaf-Experiment dazu führt, dass ich früher aufstehe). Dafür klappt der Büro-Sport super. Ich habe mir von Claude (KI) 5 Oberkörper-Übungen mit Mini-Hanteln und Theraband erstellen lassen. Die mache ich fast täglich. Und ich nutze auch meinen Mini-Stepper fast jeden Tag. Alles nur in winzig kurzen Einheiten, aber hier fühlt es sich für mich am ehesten so an, als würde ich den Eimer langsam füllen.
- Beziehungen: Der Eimer ist voll, seit ich “mehr Farbe im Alltag” gestartet habe. Seit ich weiß, dass mir die Gesellschaft der richtigen Menschen so gut tut, versuche ich das regelmäßig zu ermöglichen. Täglich ist mir persönlich aber zu viel. Vielleicht ist das eine Folge der Pandemie, die mich – willentlich und freiwillig – zu einem Eremiten gemacht hat. Vielleicht bin das aber auch einfach ich. Daraus mache ich derzeit kein Problem, denn es fühlt sich nicht wie eins an.
- Pausen: Na ja, Pausen passieren mir leider immer noch häufiger als ich sie bewusst einlege. Das ist ein Problem, weil ich gern wüsste, ob meine Ablenkbarkeit, meine Prokrastination und der Brain fog vielleicht weniger belastend wären, wenn ich wirklich alle 90 Minuten eine bewusste Pause (weg vom Bildschirm, ohne Handy, ohne irgendwas auf den Ohren) machen würde. Aber ich hab es mit Timern probiert, mit Pomodoro, mit Calender Blocking – funktioniert super, wenn ich etwa im Coworking bin. Aber wenn ich nur für mich selbst verantwortlich bin, ignoriere ich das leider alles.
Neue Idee: Personal Curriculum
19.06.2026 – Parallel zu “mehr Farbe im Alltag” bin ich auf Social Media über die Idee gestolpert, sich ein Personal Curriculum aufzubauen. Klang neu und spannend, fand ich also klasse und musste ich natürlich sofort ausprobieren. Die ersten Versuche waren leider ziemlich ernüchternd. Neues zu lernen funktioniert für mich tatsächlich, um mich lebendiger zu fühlen. Aber das strukturierte Vorgehen eines Personal Curriculum hat mich ziemlich schnell frustriert. Ich hab allerdings anfangs auch jeden Fehler gemacht, den man eben machen kann. Kannst du nachlesen im Magazin 2/2026 oder im Blogpost zum Personal Curriculum.
Was für mich aber gut funktioniert: Themen finden, die überhaupt keinem Optimierungsziel dienen, sondern mich einfach nur interessieren und dann mit Anlauf eintauchen. Habe ich beim Thema “Parfum” so gemacht und sensationelle Dinge gelernt (Wusstest du, dass ernsthaft jemand Parfum erfunden hat, das nach Sperma riecht????????). Und das mache ich aktuell so bei der “Damenmode der 1950er Jahre”. Die Lernthemen, die mich tatsächlich in meiner Persönlichkeitsentwicklung oder auch beruflich weiterbringen würden, verfolge ich dagegen eher schleppend. Das sind aktuell gefühlt eher “müsste”-Themen als “will”-Themen.
Mehr Farbe im Juni
30.06.2026 – Der Juni war wahnsinnig voll. Fast jedes Wochenende stand irgendwas an. Deshalb habe ich die Abenteuer-Liste von Anfang an nur mit Dingen gefüllt, die möglichst wenig zusätzlichen Aufwand bedeuten. Zum Glück waren einige der Termine schon bunte Glitzer-Momente. Wie ein Junggesellinnenabschied am Bodensee.
Den See liebe ich. Sobald ich da stehe und aufs Wasser blicke, kann ich quasi spüren, wie mein Blutdruck sinkt. Was überraschend war: Ich habe mit der Gruppe Frauen, die ich erst zum Termin kennengelernt habe, sofort eine Verbindung gehabt. Also wieder: Zeit mit Menschen, mit denen ich echt reden kann und mich nicht verstellen muss. Definintiv eine sichere Bank, wenn sich mein Alltag lebendiger anfühlen soll.
Weil auch Kreativität funktioniert, habe ich mir einen Block mit Lesezeichen auf Aquarellpapier gekauft. Die Motive muss man nur noch ausmalen. Nach drei Lesezeichen lag der unbenutzt in der Ecke. Kreativität ist für mich offenbar nicht gleich Kreativität. Ausmalen funktioniert nicht, ich möchte wirklich selbst kreieren. Also habe ich die Stricknadeln rausgeholt. Ich will schon ewig einen Seelenwärmer für mich selbst stricken, finde aber keine Anleitung, die zu dem Garn passt, das ich schon hier habe. Jetzt habe ich halt einfach frei Schnauze angefangen. Mal sehen, ob sich der je tragen lässt ;-).
Und, very good news: nachdem ich den Englisch-Stammtisch im April und Mai hab sausen lassen, bin ich im Juni endlich hingegangen. Und hab meinen Mann mitgeschleppt. Ich war skeptisch, denn er findet hier in unserem 5.000-Seelen-Kaff statt. Aber es war richtig toll – und mein aktiver Wortschatz viel größer als ich dachte.
Die neuen Orte für die Wochenplanung müssen warten. Ich war im Juni schon froh, wenn ich überhaupt irgendwann am Wochenende eine Wochenplanung reinquetschen konnte. Ich hatte gar keinen Nerv, mich auf die Suche nach neuen, schönen Orten zu begeben. Deshalb wird das noch mal ein Vorsatz im Juli. Auch der ADHS-Spaziergang ist für mich ausgefallen. Macht aber nichts, der ist ja jeden Monat und meine Farbe-im-Alltag-Liste ist ein Auswahl-Menü, keine To-Do-Liste.
Ein bisschen stolz war ich, dass ich tatsächlich an allen 3 Veranstaltungen teilgenommen habe, zu denen ich mich beim Nürnberg Digital Festival angemeldet hatte. Die boten zwar leider weniger neues Wissen zu KI und GEO, als ich mir gewünscht hätte. Aber eine kostenlose Reihe mit über 200 Veranstaltungen ist eben auch etwas anderes als ein echter Workshop oder Kurs. Immerhin habe ich ein paar neue Impulse mitgenommen und da KI schon länger in meinem Personal Curriculum stand (siehe oben), werte ich das als Gewinn.
Mehr Lebendigkeit im Mai
31.05.2026 – Im Mai hatte ich die Handtaschen-Ausstellung deshalb noch mal auf dem Zettel. Aber irgendwie hat sie ihren Reiz verloren. Und so ist sie stillschweigend in der Versenkung verschwunden. Insgesamt war der Mai eher erfolglos, was das “Abarbeiten” meiner Ideen anging. Er fühlte sich dennoch sehr lebendig an und ich habe erste Muster entdeckt.
Ich empfinde mein Leben als bunt und erfüllt, wenn:
- ich mit Menschen zusammen bin, mit denen ich echte Gespräche führen kann und mich nicht verstellen muss
- etwas Neues erleben kann (neue Orte, neue Menschen, neue Tätigkeiten, ganz egal…)
- ich etwas Kreatives machen kann (optimalerweise in Kombination mit den ersten beiden Punkten)
Meine Müslischale, die das Meer mit Gischt nachstellen sollte, ist zwar nur so semi gut gelungen, aber ich hatte beim Keramik bemalen wahnsinnig viel Spaß. Das mache ich ganz sicher noch mal.
Mein absolutes Highlight war allerdings mein Wochenende in Berlin. Ich bin mit meiner besten Freundin nur in die Hauptstadt gefahren, weil wir endlich mal zu Dussmann wollten – offiziell Kultur-Kaufhaus, für mich vor allem der größte Buchladen Deutschlands (der Thalia-Flagship-Store in Köln, der sonst als größter gilt, hat ca. 4.500 m², Dussmann hat kolossale 7.500!). 8 Stunden haben wir in diesem Laden verbracht und dazwischen hatte ich jede Menge Zeit mit einem Menschen, der mich fast blind versteht – auch wenn uns inzwischen hunderte Kilometer trennen. Dieses Wochenende hat mein Konto geleert, aber meine Batterien bis zum Anschlag gefüllt.
Das mit den Blumen hat auch geklappt, allerdings anders als geplant. Ich bekam zum Geburtstag einen riesigen Strauß, der ewig hielt. Und vorher habe ich mir einmal Pfingstrosen gekauft, die auch lange frisch blieben. So hatte ich tatsächlich den ganzen Monat Blumen.
Erstaunlich spannend war das Komplimente-Experiment. Ich achte schon seit Jahren darauf, Menschen zu sagen, wenn ich etwas an ihnen toll finde. Aber das jetzt (fast) jeden Tag zu machen, war interessant, denn mir taten die Komplimente, die ich anderen machte, mindestens so gut wie ihnen. Das war eine Erkenntnis, mit der ich nicht gerechnet habe. In Berlin habe ich eine ältere Dame angesprochen, weil ich ihre Sneaker so cool fand – grün und über und über mit kleinen Blumen bestickt oder bemalt. Du hättest mal ihre Verwandlung sehen sollen: von skeptisch und misstraurisch (klar, wenn dich im Berliner Hauptbahnhof eine Fremde von hinten anquatscht!) zu einem strahlenden Lächeln und einem kurzen Gespräch. Danach habe ich selber immer wieder gelächelt, wenn ich mich an diese Szene erinnerte.
Für den Englisch-Stammtisch und das Nischenmuseum war im Mai keine Zeit mehr und Mystery Day, Entdeckertour und “etwas Verrücktes” waren viel zu unkonkret für mich, als dass ich sie hätte umsetzen können. Und was den neuen Sport und die erste Radtour angeht… na ja, sagen wir einfach, im Kopf habe ich das beides gemacht ;-).
Mehr Abenteuer im April 2026
30.04.2026 – Das “mehr Farbe im Alltag”-Experiment begann im April auf Instagram. Die Ideen folgten keiner Struktur. Ich hab mir einfach Dinge vorgenommen, die interessant klangen. Mir war nämlich aufgefallen, dass ich gar nicht (mehr) so richtig wusste, was ich brauche, um mich lebendig zu fühlen. Alle paar Jahre umziehen hat diesen Effekt, aber ich hasse Umzüge. Das ist also keine Option. In diesem ersten Monat ging es also erstmal darum, herauszufinden, was mir gut tut, was mich fasziniert, was echte, tolle Erinnerungen baut.
Mir war es im April noch nicht klar, aber diese Instagram-Posts würden mit der Zeit eher zu einer Inspirationsquelle für mich selbst werden als zu einer Liste, die ich von vorn bis hinten abarbeite. Was sich Anfang des Monats interessant anhört, verliert vielleicht im Laufe der Wochen seinen Reiz. Oder ich entdecke spontan andere Dinge und ersetze etwas von meiner ursprünglichen Liste damit… In meinem Bullet Journal oder in dem kleinen Notizbuch, in dem ich fast täglich meine Morgenseiten schreibe (allerdings selten morgens) habe ich mir notiert, was ich erlebt habe und welche Auswirkung es hat. Die Hoffnung: Muster erkennen und später ganz bewusst Dinge in mein Leben holen, die garantiert den gewünschten Effekt haben.
Im April hat das schon mal ganz gut geklappt: Es gab das Community-Treffen in Fulda, das großartig war. Ich habe eine Mystery Box für Buchliebhaber bestellt, die mir wahnsinnig viel Spaß gemacht hat. Ich habe auch den Mystery Walk durch die Nachbarschaft gemacht, allerdings nur auf dem Weg zu einem Termin. Das hatte leider nicht den gewünschten Effekt. Gewinnspiele zu finden, die sich lohnen, war überraschend schwer. Daran bin ich weitestgehend gescheitert. Und die Handtaschen-Ausstellung habe ich zeitlich nicht geschafft.


































































