Warum handschriftliches Planen besser ist
Alle, die ihre Handschrift hassen und deshalb einfach alles tippen, müssen jetzt stark sein: Dein Gehirn, deine Planung, dein Gedächtnis und eventuell sogar deine mentale Gesundheit profitieren davon, wenn du mit der Hand schreibst. Warum das so ist (und wie du dich mit deiner Handschrift versöhnen kannst), besprechen wir jetzt.
Meine Handschrift ist etwas, worauf ich sehr stolz bin. Und worin ich eine Menge Zeit investiert habe. Eine Zeitlang habe ich einzelne Buchstaben, die ich in meiner Schrift hässlich fand, gegoogelt und dann so lange eine schöne Variante geübt, bis ich sie in meine Schrift integriert hatte (Das r, das A, das H und das t – am D arbeite ich gerade).
Ein bisschen obsessiv? Ja, eventuell. Und auch nicht sehr praktisch, denn ich habe meine Schrift vor allem auf Schönheit aufgebaut, nicht so sehr auf Lesbarkeit. Ich schreibe sehr klein, sehr eng und sehr schräg. Jeder, der meine BuJo-Seiten sieht, macht mir Komplimente. Aber keiner kann meine Schrift lesen. Im BuJo ist das sogar von Vorteil, aber wenn ich meiner Oma ihre Geburtstagskarten „übersetzen“ muss, ist das schon ein bisschen unangenehm.
Aber ich erzähle dir das nicht, um anzugeben (ok, vielleicht ein bisschen). Sondern um dir Mut zu machen: Deine Handschrift ist nicht Gott gegeben. Und sie ist auch nicht nach den Schwungübungen in der Grundschule in Stein gemeißelt. Du kannst sie jederzeit anpassen. Und zwar mit deutlich weniger Aufwand als du jetzt denkst.
Aber selbst, wenn es etwas Zeit und Mühe kostet: Es lohnt sich, wenn du dafür künftig deine Planung und Reflexion im Bullet Journal machst. Das Schreiben per Hand bringt im Vergleich zum Tippen nämlich eine Menge Vorteile für dein Gehirn mit sich – nicht nur, aber besonders, wenn es sich um ein ADHS-Gehirn handelt. Schauen wir uns das genauer an:
Mit der Hand schreiben verbessert Gedächtnis
Audrey L.H. Van der Meer von der Norwegian University of Science and Technology in Trondheim hat im Januar 2024 eine interessante Studie veröffentlicht: Sie hat Studenten einem EEG-Scan unterzogen, also die Hirnaktivität gemessen, während sie entweder Notizen per Hand machten oder abtippten. Ihr Ergebnis: Im Gehirn der Handschreiber waren viel mehr Gehirnareale aktiv beziehungsweise zeigten sich viel mehr aktive Verbindungen zwischen unterschiedlichen Hirnarealen.
Genau diese aktiven Verbindungen brauchen wir, um zu lernen. Sie sind notwendig, damit wir uns Dinge merken und neue Informationen verarbeiten können. Durch das Schreiben mit der Hand wird das deutlich stärker gefordert als durch bloßes Tippen.
Eine mögliche Erklärung: Schreiben braucht einfach mehr Hirnareale für die reine Tätigkeit. Während Tippen eine sehr gleichförmige Bewegung ist, brauchst du, um Buchstaben mit der Hand zu formen, viel Feinmotorik, aber auch zum Beispiel deinen Sehsinn.
Handschrift fördert die Aufmerksamkeit
Unter diesen komplexen Hirnaktivitäten beim Handschreiben fällt auch auf, dass vor allem die frontalen Hirnregionen sehr aktiv sind. Das ist spannend, denn hier sitzt ein großer Teil unserer exekutiven Funktionen – also alles, was wir brauchen, um zu planen und umzusetzen, uns nicht ablenken zu lassen usw. Das kommt dir vermutlich sehr bekannt vor, wenn du ADHS hast, denn dann sind das genau die Dinge, die anstrengend sind. Also ja: Mit ADHS profitieren wir offenbar besonders davon, mehr mit der Hand zu schreiben.
Auch das Retikuläre Aktivierungssystem (RAS) wird durch das Handschreiben stärker aktiviert. Das ist sozusagen der Aufmerksamkeitsschalter im Gehirn, was uns zum Beispiel das Filtern zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen erleichtert.
Bessere Informationsverarbeitung: Denken mit der Hand
Gleichzeitig bist du handschriftlich viel langsamer als tippend – das gilt zumindest für die meisten von uns. Was erstmal wie ein Nachteil klingt, ist neurowissenschaftlich aber ein großer Vorteil. Weil du nicht einfach alles Gesagte transkribieren kannst, musst du Informationen auswählen, in eigenen Worten zusammenfassen, kurz: Du musst sie verstehen, um sie notieren zu können.
Eine relativ alte Studie von Pam A. Mueller und Daniel M. Oppenheimer aus dem Jahr 2014 hat das – ebenfalls an Studenten – getestet. Sie haben festgestellt, dass Studenten, die in den Vorlesungen mittippten, zwar viel schneller waren und oft Wort für Wort mitschreiben konnten, was ihr Professor sagte. Wenn man sie aber hinterher zum Stoff der Vorlesung befragte, schnitten sie deutlich schlechter ab als Kommilitonen, die per Hand mitgeschrieben hatten.
Auch hier liegt die Erklärung im Gehirn: Wenn wir tippen, nehmen wir Informationen zwar auch, aber nur oberflächlich. Klingt logisch, oder? Wenn es schnell gehen muss, hast du keine Zeit zum Verarbeiten, denn dann würdest du ja den nächsten Satz verpassen. Wer handschriftlich Notizen macht, muss sich erstmal aktiv anhören, was der Professor zu sagen hat, um es dann in eigenen Worten widerzugeben. Verkürzt, um nichts zu verpassen, aber detailliert genug, um damit zu lernen. Dafür müssen wir die Informationen vollständig prozessieren und dabei wandern sie in unser Gedächtnis.
Journaling ist handschriftlich effektiver
Übrigens, auch die Reflexion, das Journaling und Tagebuch schreiben ist handschriftlich offenbar effektiver. Dass Schreibübungen wie das expressive Schreiben oder Dankbarkeitstagebücher helfen, Probleme besser zu verarbeiten und Lösungen zu finden, ist bekannt. Sie werden sogar in der Therapie von psychischen Erkrankungen eingesetzt. Aber ist der Effekt noch größer, wenn man diese Übungen handschriftlich macht?
Offenbar ja. Schreiben per Hand könne meditativ wirken, erklärt ein Artikel von Psychology Today. Es wirke also beruhigend und therapeutisch, fördere die Kreativität und – durch die komplexen Hirnvorgänge – auch die Hirnfitness.
Handschriftlich besser planen
Wir wissen jetzt also: Wenn du Notizen machst oder journalst, mach das besser handschriftlich. Aber gilt das auch für deine Planung? Profitierst du, wenn du per Hand planst statt in einer App? In einer Studie (Yang et al. 2023) wurden Erwachsene untersucht, die entweder Papierkalender oder digitale Kalender-Apps zur Alltagsplanung nutzten. Das Ergebnis: Die Papier-Nutzer erstellten qualitativ bessere Pläne und setzten ihre Vorhaben erfolgreicher um.
Aber Vorsicht: Diese Studie hat vor allem die Nutzung digitaler Kalender am Handy mit Papierkalendern verglichen. Wenn du einen digitalen Kalender am Handy nutzt und du willst dir mehr als den aktuellen Tag anzeigen, dann siehst du schon aus Platzmangel oft nicht alle Einträge. Manche Kalender zeigen nur die Termine bis zu einer bestimmten Uhrzeit, andere zeigen nur durch bunte Punkte, DASS da ein Termin ist. Aber um alle Termin mit allen Details zu sehen, muss man den aktuellen Tag öffnen.
Das führt laut der Studie dazu, dass die Nutzer häufiger umplanen und weniger effizient mit ihrer Zeit umgehen, weil ihnen der große Überblick fehlt. Papierkalender-Nutzer, die mit Wochen- oder Monatsübersichten arbeiteten hatten diesen Nachteil nicht und schnitten besser ab.
Interessant wäre, diese Studie mal mit digitalen Kalendern am Rechner zu wiederholen. Hier kann ich mir ja in der Regel problemlos den ganzen Monat samt Details anzeigen lassen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Unterschiede dann nicht mehr so gewaltig ausfallen – zumindest für neurotypische Gehirne.
Mit ADHS spricht aber offenbar noch mehr für die analoge Planung bzw. eine analoge Schaltzentrale, zum Beispiel ein Bullet Journal. Das ADHS-Gehirn kann zum einen nur schlecht damit umgehen, wenn sich Termine, Aufgaben, Ideen, Notizen usw. auf 13 Apps und 147 Zettel verteilen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Und schon steigt der Stresspegel. Gleichzeitig sind wir viel leichter ablenkbar und digitale Tools haben in der Regel andere digitale Tools untergehakt, die wir gerade zwar nicht brauchen, aber plötzlich super spannend sind. Wenn du also deinen digitalen Kalender öffnest und plötzlich die E-Mail-Notification aufploppt, sinkt die Chance, dass du jetzt effektiv planst.
Beides zusammengenommen könnte dafür sprechen, dass wir von einer analogen Planungszentrale sehr profitieren, auch wenn wir damit hier und da Abzüge in der B-Note (für Bequemlichkeit) in Kauf nehmen müssen.
Papier oder digital: Ist Handschrift gleich Handschrift?
Ich dachte ja, ich hätte das Dilemma mit meinem digilogen Bullet Journal perfekt gelöst: Ich schreibe mit der Hand, aber auf einem Tablet. Suchfunktion, Seiten verschieben, Korrektur von Verschreibern – digital alles kein Problem. Aber weil ich es weiterhin handschriftlich führe, profitiere ich auch von allen Vorteilen, die wir gerade besprochen haben.
Es gibt aber offenbar leise Hinweise darauf, dass gerade die Haptik eines analogen Planers zur Effektivität beiträgt. Konkrete Studien habe ich dazu allerdings nicht gefunden, sondern „nur“ einen LinkedIn-Artikel. Und darin werden Papier-Planer für Menschen mit ADHS und/oder Autismus vor allem deshalb empfohlen, weil (frei übersetzt): „Die Interaktion mit dem [Papier]Planer durch den Einsatz von Schreibwerkzeugen eine höhere Aktivierung der Gehirnregionen bewirken kann, die das Aufmerksamkeitsnetzwerk im Gehirn verbessert und es in einen Lern-Modus versetzt[…].“
Da ich auf dem Tablet ja auch mit einem „Schreibwerkzeug“ aka einem Stift arbeite, bleibe ich bei meiner Lösung (und schalte noch schnell alle Benachrichtigungen aus, um Ablenkung zu vermeiden). Auch wenn ich das Gefühl von gutem Papier unter meinen Fingerspitzen schon manchmal vermisse.
Versöhn dich mit deiner Handschrift
Du weißt also jetzt, warum du ab sofort besser mit der Hand schreiben solltest. Aber was, wenn du das hasst? Oder deine Handschrift hässlich findest? Oder deine eigene Schrift 3,5 Sekunden nach dem letzten Punkt schon nicht mehr lesen kannst?
Ich hab ein paar schnelle und einfache Ideen, wie du dich mit deiner Handschrift versöhnen kannst:
Wechsle die Schriftart. Wenn du bisher Schreibschrift nutzt, versuch mal, wie du mit Druckbuchstaben zurecht kommst und umgekehrt. Achtung: Anfangs fühlt sich das mühselig und langsam an. Das ist normal und hält nicht lange an. Nach ein paar Tagen hat sich dein Muskelgedächtnis umgestellt. Oft reicht der Wechsel der Schriftart schon – vor allem, wenn Lesbarkeit dein Hauptproblem ist.
Wechsle den Stift. Wenn du das Schreiben anstrengend und deine Schrift hässlich findest, liegt das vielleicht einfach nur am Stift. Ich kann zum Beispiel weder mit Bleistift noch mit Kugelschreiber schön schreiben. Füller und Gelroller dagegen sind meine Lieblingsstifte, wenn es ums Schreiben geht. Probier verschiedene Schrifttypen und dann auch verschiedene Strichstärken aus (Ich schreibe zum Beispiel nur mit asiatischen Füllern, weil da eine EF-Feder (extra fein) wirklich super fein ist. Das hat aber ein paar Jahre Test and Trial gebraucht, um das herauszufinden.)
Wechsle das Papier. Genauso wichtig wie der richtige Stift ist das passende Papier. Es macht wirklich, wirklich keinen Spaß mit einem Füller auf Recyclingpapier zu schreiben. Glattes, versiegeltes Papier ist aber auch nicht geeignet, weil darauf die Tinte ewig nicht trocknet. Für Füller brauchst du ein schönes satiniertes oder gestrichenes Papier (meine Empfehlung: mindestens 120 g). Und auch alle anderen Stifte mögen bestimmtes Papier mehr als anderes. Probier dich aus und gib nicht zu früh auf.
Verändere die Schriftgröße. Ich versuche gerade, meine Schrift wieder etwas größer (und weniger geneigt) zu machen – einfach, damit ich sie selbst besser lesen kann. Vielleicht willst du im Gegenteil etwas kleiner schreiben, damit dein Schriftbild gleichmäßiger und kontrollierter wird. So eine Veränderung braucht Geduld. Du musst die neue Größe ins Muskelgedächtnis bringen und das braucht ein paar Wiederholungen. Aber nur die Veränderung der Größe kann riesige Auswirkungen auf Lesbarkeit und Schönheit deiner Schrift haben.
Schreib langsamer. Einer der nervigsten Tipps überhaupt, jedenfalls wenn du so ungeduldig bist, wie ich. Aber wenn du langsamer schreibst, schreibst du mit größerer Wahrscheinlichkeit alle Buchstaben aus. Das macht eine Menge aus, wenn es um ein schönes, gleichmäßiges Schriftbild geht. Außerdem kannst du dich darauf konzentrieren, was du an deiner Schrift ändern willst, weil der Schreibprozess verlangsamt nicht mehr so automatisch abläuft.
Konzentrier dich auf runde Buchstaben. Ignorier für den Moment, wie deine t, l, h und so weiter aussehen und konzentriere dich mal nur auf e, a, o, u, m, n und s. Versuch diese Buchstaben so klar und schön wie möglich zu schreiben. Du wirst überrascht sein, wie schön deine Schrift sofort aussieht – auch wenn die langen, geraden Buchstaben krumm und schief sind.
Konzentrier dich auf die Anfangsbuchstaben. Als ich Saxofon gespielt habe, sagte mein Lehrer oft: „Die Kunst besteht im Weglassen.“ Gemeint hat er, dass ich mich darauf konzentrieren sollte, die erste und die letzte Note schneller, langer Phrasen richtig zu spielen – und niemandem würde auffallen, wenn in der Mitte ein paar Noten fehlten oder ein bisschen unsauber wären. Genauso ist es mit deiner Schrift. Konzentrier dich darauf, schöne Anfangsbuchstaben zu schreiben – von jedem Wort oder zumindest von jedem Satz – dann sind alle anderen Buchstaben nicht mehr so wichtig.
Konzentriere dich auf die Abstände statt auf die Buchstaben. Wenn du überhaupt keinen Nerv hast, an deiner Schrift selbst zu feilen, dann konzentrier dich einfach auf die Abstände und versuch diese so gleichmäßig wie möglich zu halten. Das betrifft Abstände zwischen den Buchstaben, aber vor allem auch zwischen den Worten. So bringst du ganz schnell Ruhe und Übersichtlichkeit in dein Schriftbild.
Hol dir Inspiration und mach es nach. Wenn du Spaß am Schreiben gefunden hast und – wie ich – jetzt an der Schönheit deiner Schrift arbeiten willst, scheu dich nicht vorm nachmachen. Suchen dir Online schöne Schriften aus. Mein Tipp: Geh auf eine Schriftendatenbank wie Google-Fonts, such dir eine Schrift aus und gib einen Beispielsatz ein, der möglichst alle Buchstaben abdeckt, zum Beispiel: Auf der Yacht „Xerxes“ spielen Kinder mit Affen aus dem Zoo, während Elefanten, Jaguare und Pumas im Laden eine Vase kaufen und die Erdmännchen mit den Quallen in einem alten Baseballcap baden. Druck dir diesen Satz in deiner Schrift aus, leg ein dünnes Blatt Papier drüber und pausch ihn ab. So bekommst du ein Gefühl für die Bewegung der Schrift und kannst sie trainieren.
