Warum-Kaskade oder 5 Why: Wenn du einen Motivationsschub brauchst

Hast du gerade einen Durchhänger? Ein Motivationsloch? Kannst dich nicht aufraffen, obwohl du genau weißt, dass die Aufgaben, die auf deinem Zettel stehen, dich deinem Ziel näher bringen würden? Dann probier es doch mal mit einer Methode aus dem Kreativitätstraining: der Warum-Kaskade.

Ich hab vor etwas mehr als einem Jahr angefangen, mich auf eine Zertifizierung im IT-Bereich vorzubereiten. Der Plan war eigentlich, dass ich inzwischen die Prüfung schon längst – erfolgreich – abgelegt hätte. Die Realität sieht so aus, dass ich gerade mal die Hälfte der Inhalte gelernt habe – und davon nur einen Bruchteil verstanden.

Dabei ist mir Lernen nie schwer gefallen. Aber die Materie ist für mich so fremd, dass ich nur mühsam vorankomme, weil ich gefühlt in jedem dritten Satz der Lehrmaterialen Fachbegriffe oder Zusammenhänge erst ergoogeln muss – die ich drei Tage später trotzdem wieder vergessen habe. Hinzu kommt, dass die Lehrmaterialen für mich nicht besonders ansprechend sind.

Ich brauche also jedes Quäntchen Selbstdisziplin UND Motivation, um mich trotzdem aufzuraffen, weiter zu lernen – auch wenn klar ist, dass mich das wohl noch viele Monate begleiten wird, bis ich mich bereit fühle, die Prüfung abzulegen. Zumal sie nicht lebensnotwendig ist – ich arbeite ja bereits in dem Job. Die Zertifizierung würde meine Position für die Zukunft festigen und verbessern, aber aktuell ist sie nicht zwingend nötig.

Deshalb hatte ich vor einigen Monaten auch eine Phase, in der ich mich ernsthaft gefragt habe, wozu ich mir diesen Stress eigentlich antue.

Um wieder in die Spur zu kommen, habe ich eine Technik genutzt, die ich früher den Teilnehmern meiner Kreativitätscoachings beigebracht habe. Da ging es zwar ums kreative Schreiben, aber die Warum-Kaskade ist eigentlich ein Projektentwicklungstool und taugt deshalb auch, wenn du einen solchen Durchhänger hast wie ich.

Sie ist blitzschnell erklärt und klingt super simpel – für echte Resultate braucht sie aber ein bisschen Geduld und Übung.

So funktioniert die Warum-Kaskade

Du kannst die Warum-Kaskade problem- oder zielorientiert nutzen. Beides hat seine Berechtigung. Die problemzentrierte Version ist immer dann sinnvoll, wenn du (noch) nicht genau weißt, was dich zurückhält oder blockiert, wenn du das Problem also noch nicht klar benennen kannst. Die zielorientierte Herangehensweise eignet sich, wenn du das Problem kennst – und es lösen willst.

In meinem Fall lautet das Ziel: Ich will die SAP-Zertifizierung bestehen. Das ist der Ausgangspunkt. Vom Problem aus betrachtet, war der Startpunkt die Formulierung: Ich kann mich nicht aufraffen, für die Zertifizierung zu lernen.

Formulier also zunächst deinen Ausgangspunkt und schreib ihn dir in einem Satz auf.

Jetzt startet die Warum-Kaskade, indem du dich so oft nach dem Warum für die vorangegangene Antwort fragst, bis du wirklich zum Kern der Sache vorgedrungen bist.

In meinem Fall sah das so aus:

Problem:

Ich kann mich nicht aufraffen, für die Zertifizierung zu lernen.

Warum?

Weil ich einen Widerwillen dagegen habe.

Warum?

Weil ich mich dumm fühle.

Warum?

Weil ich den Stoff nicht verstehe und/oder ihn mir nicht merken kann.

Warum?

Weil er zu technisch (aufbereitet) ist.

Warum?

Weil ich Angst habe zu versagen und mich deshalb zu stark antreibe.

Als das klar war, habe ich die Warum-Kaskade zielseitig durchgearbeitet, um mir klar zu machen, warum ich TROTZDEM weitermachen will.

Ziel:

Ich will die SAP-Zertifizierung bestehen.

Warum?

Weil ich niemals vorzeitig aufgebe.

Warum?

Weil ich künftig mehr Geld verdienen will.

Warum?

Weil ich mir ohne Nachzudenken, Dinge leisten können will.

Warum?

Weil ich Unabhängigkeit will.

Warum?

Weil ich zeigen will, dass ich erfolgreich bin.

Warum?

Weil ich selbstbewusst und bewundert sein will.

Achtung Falle: Bewerte deine Antworten nicht!

Und hier liegt eine der großen Fallen dieser Methode. Wenn du ehrlich bist und wirklich zu dem Kern deines Warums kommst, kann es sein, dass dir die Antworten nicht gefallen. Ich fühlte mich zum Beispiel schrecklich, weil mein finales Warum die Sehnsucht nach Bewunderung war. Das fühlte sich sehr oberflächlich und arrogant an und beides will ich nicht sein.

Aber wenn du deine Antworten ignorierst oder von dir weist, weil sie dir nicht gefallen, ändert das gar nichts. Sie bleiben ja trotzdem wahr.

Mir hat ein Perspektivwechsel geholfen: Betrachte die Antworten, die dich erschrecken oder dir ein mieses Gefühl geben, als Einstieg zur Veränderung. Nicht als unabänderlichen Zustand. Du hast dir damit gerade einen blinden Fleck deiner Psyche aufgezeigt, der dir bisher nicht bewusst war. Du kannst aber nur ändern, was dir bewusst ist.

Es ist also ein Geschenk, dass du jetzt deine „Schwachstellen“ kennst. Nun kannst du (zum Beispiel mit einer weiteren Warum-Kaskade) herausfinden, warum dir zum Beispiel die Bewunderung anderer so wichtig ist – und kannst das dann akzeptieren oder es verändern.

Achtung Falle: Grab tiefer!

Die erste Falle der Warum-Kaskade lauert aber schon viel früher in der Übung: Du hörst zu früh auf, nach dem wahren Warum zu graben. Das passiert schnell – vor allem, wenn wir ein Warum gefunden haben, das plausibel klingt (und sich gemütlich anfühlt).

Bei mir war das bei der problemzentrierten Herangehensweise der Fall. Ich hatte zunächst bei der Antwort „Weil das zu technisch (aufbereitet) ist“ aufgehört. Bis ich mir die Antworten einige Tage später noch mal durchgelesen habe – und feststellte, dass ich es mir damit zu einfach gemacht hatte. Denn mit dieser Antwort lag die gesamte „Schuld“, also die Verantwortung, für meinen Durchhänger woanders – nämlich bei den Erstellern der Schulungsunterlagen.

Ich musste nicht lange grübeln, um zu wissen, dass das sehr unwahrscheinlich war. ICH hatte den Durchhänger. ICH wollte aber die Zertifizierung. ICH konnte mich trotz vermeintlicher Motivation nicht aufraffen. Kurz: Es war meine Verantwortung. Dass die Schulungsunterlagen zu technisch waren, konnte also nicht die finale Antwort sein.

Wenn sich die Antwort also zu gut anfühlt, grab weiter. Dann bist du sehr wahrscheinlich noch nicht zum Kern vorgedrungen.

Exkurs: Wie-Kaskade

Gut zu wissen: Parallel zur Warum-Kaskade gibt es auch die Wie-Kaskade. Die funktioniert genauso, kommt aber vor allem dann zum Einsatz, wenn du das Ziel kennst, aber den Weg dahin nicht sehen kannst. Vor allem große, überwältigende Ziele können dich paralysieren, weil du einfach nicht weißt, womit du anfangen sollst.

Da kann die Wie-Kaskade helfen, die ersten Schritte zu identifizieren. Nehmen wir an, du willst einen ersten Online-Kurs launchen:

Ausgangspunkt:

Ich will in drei Monaten meinen Onlinekurs launchen.

Wie?

Indem ich einen Videokurs zum Selbstlernen anbiete.

Wie?

Indem ich acht Videolektionen drehe.

Wie?

Indem ich acht Themen identifiziere.

Wie?

Indem ich den Bedarf meiner Zielgruppe eruiere.

Wie?

Indem ich persönliche Interviews mit Traumkunden führe.

Wie?

Indem ich geeignete Follower auf Instagram anschreibe und um ein persönliches Gespräch bitte.

Auf diese Weise kannst du mit jeder großen Teilaufgabe deines Projekts verfahren. Der Vorteil: Zum einen hast du so schon einen Schritt-für-Schritt-Plan, zum anderen ist es der Instant-Motivation-Booster, weil du dich, wenn du bei der kleinsten Aufgabe angekommen bist, so sehr in dein Lieblingsprojekt eingedacht hast, dass du unbedingt sofort loslegen und es ins Rollen bringen willst. Oder, wenn es sich um ein Pflichtprojekt handelt, weil die kleinen Schritte so klein sind, dass es dich nicht belastet, sie einfach schnell zu erledigen.

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